Ovid, Metamorphōsēs IV,55–60

Pyramus und Thisbe – die tragische Liebesgeschichte aus Babylon · Schwierigkeit: schwer

Einleitung

Die Geschichte von Pyramus und Thisbe steht in Buch IV der Metamorphōsēs (nicht Buch I). Zwei junge Babylonier aus Nachbarhäusern lieben einander, dürfen sich aber nicht treffen. Durch einen Riss in der gemeinsamen Mauer flüstern sie miteinander. Als sie sich heimlich draußen treffen wollen, führt ein Missverständnis zum Tod beider. Die Geschichte ist das direkte Vorbild für Shakespeares Romeo und Julia. Ovid beginnt den Abschnitt mit einem kunstvollen Doppelporträt der Liebenden.

Quelle: Ovid, Metamorphōsēs, liber IV, vv. 55–60 (Auszug). Gemeinfreie Edition (Perseus Digital Library).

Lateinischer Text

1 Pȳramus et Thisbē, iuvenum pulcherrimus alter, 2 altera quās Oriēns habuit praelāta puellīs, 3 contiguā tenuēre domōs, ubi dīcitur altam 4 coctilibus mūrīs cinxisse Semiramis urbem. 5 Nōtitiam prīmōsque gradūs vīcīnia fēcit; 6 tempore crēvit amor: taedae quoque iūre coīssent,

Metrum: Daktylischer Hexameter (–⌣⌣ | –⌣⌣ | – | –⌣⌣ | –⌣⌣ | –×)

Wortschatz-Hilfen

WortFormBedeutung
pulcherrimus alterSuperlativ + Pron.der eine der schönste (der jungen Männer)
praelātaPPP Nom. Sg. f. (praeferre)vorgezogen, an die erste Stelle gestellt
contiguā … domōsAkk. Pl. f.angrenzende Häuser (wohnen)
tenuēre3. Pl. Perf. (tenēre)bewohnten, besaßen (= tenuērunt)
coctilibus mūrīsAbl. Pl. m.mit gebrannten Ziegelsteinen (Ablativ der Art und Weise)
SemiramisNom. Sg. f.Semiramis – sagenhafter Königin Babylons
nōtitiaNom. Sg. f.Bekanntschaft, erstes Kennenlernen
taedae … iūreAbl. + Ablativformelnach dem Recht der Fackel = durch rechtmäßige Ehe

Grammatische Hinweise

Übersetzungen

Wörtliche Übersetzung

„Pyramus und Thisbe, der eine der schönste der Jünglinge, die andere vorgezogen jenen Mädchen, die der Orient besaß, bewohnten angrenzende Häuser, wo man sagt, Semiramis die hohe Stadt mit gebrannten Mauern umgeben hat. Die Nachbarschaft schuf Bekanntschaft und die ersten Schritte; mit der Zeit wuchs die Liebe: auch hätten sie sich nach dem Recht der Fackel (= in rechtmäßiger Ehe) vereinigen können,"

Idiomatische Übersetzung

„Pyramus und Thisbe – er der schönste aller Jünglinge, sie das schönste Mädchen des Ostens – wohnten in Nachbarhäusern in der Stadt, die Semiramis, so heißt es, mit Ziegelmauern umgeben hat. Die Nachbarschaft brachte sie einander näher und machte den Anfang; mit der Zeit wuchs aus ihr die Liebe. Hätte man sie gelassen, hätten sie geheiratet –"

Interpretation

Ovid beginnt seine Erzählung mit einem literarisch kunstvollen Doppelporträt: Pyramus und Thisbe werden parallel eingeführt, je in einer Zeile, mit je einem Superlativ. Das schafft sofort Symmetrie und Gleichwertigkeit – eine Liebesgeschichte auf Augenhöhe. Der kurze Satz tempore crēvit amor (V. 6) ist für Ovid charakteristisch: lakonische Kürze für das Entscheidende. Dann bricht die Syntax ab (coīssent im Konjunktiv) – das Unglück beginnt sofort. Ovids Ton ist gleichzeitig schön und traurig: Er zeigt eine ideale Liebe und deutet von Beginn an an, dass sie nicht erfüllt werden wird.

Übungsfragen

  1. Wie wird der Parallelismus zwischen Pyramus und Thisbe in V. 1–2 sprachlich umgesetzt?
  2. Erkläre die Konstruktion ubi dīcitur cinxisse (V. 3–4) grammatisch.
  3. Was bedeutet taedae iūre (V. 6)? Was wird hier metaphorisch ausgedrückt?
  4. Bestimme den Modus von coīssent (V. 6) und erkläre seine Bedeutung.
  5. Wo liegen nach Ovids Darstellung die historischen Wurzeln dieser Geschichte?