Ovid, Metamorphōsēs VIII,183–188

Daedalus und Ikarus – Hybris, Vaterliebe und der Fall ins Meer · Schwierigkeit: schwer

Einleitung

Daedalus, der Erfinder des Labyrinths auf Kreta, ist vom kretischen König Minos festgehalten. Da das Meer bewacht wird, baut er Flügel aus Federn und Wachs für sich und seinen Sohn Ikarus. Die berühmte Episode steht in Buch VIII der Metamorphōsēs und gehört zu den meistzitierten Mythen der Weltliteratur. Daedalus' Monolog über den erzwungenen Flug – Omnia possideat, nōn possidet āera Mīnōs – ist eine der prägnantesten Zeilen Ovids.

Quelle: Ovid, Metamorphōsēs, liber VIII, vv. 183–188 (Auszug). Gemeinfreie Edition (Perseus Digital Library).

Lateinischer Text

1 Daedalus intereā Crētēn longumque perosus 2 exsilium tactusque locī nātālis amōre 3 clausus erat pelagō. "Terrās licet," inquit, "et undās 4 obstruat: at caelum certē patet; ībimus illāc. 5 Omnia possideat, nōn possidet āera Mīnōs."

Metrum: Daktylischer Hexameter

Wortschatz-Hilfen

WortFormBedeutung
perosusPPP/Adj. (perōdisse), Nom. Sg. m.überdrüssig, tief hassend (mit Akk.)
tactus … amōrePPP + Abl. causaevon der Liebe bewegt / ergriffen
nātālisAdj. Gen. Sg. m. (locus nātālis)des Geburtsortes, der Heimat
pelagōAbl. Sg. n. (pelagus)durch das Meer (Ablativ des Mittels)
licet … obstruatlicet + Konj. (konzessiv)mag er zwar versperren / obwohl er versperrt
patet3. Sg. Präs. (patēre)steht offen, liegt frei
illācAdv.dort entlang, auf jenem Weg
āer, āerisAkk. Sg. m. (āer)die Luft (Griechisches Lehnwort)

Grammatische Hinweise

Übersetzungen

Wörtliche Übersetzung

„Daedalus unterdessen, des langen Exils überdrüssig und von der Liebe zum Geburtsort bewegt, war eingeschlossen durch das Meer. ‚Mag er', sagt er, ‚Land und Wogen versperren: der Himmel aber steht gewiss offen; dort entlang werden wir gehen. Mag Minos alles besitzen – die Luft besitzt er nicht.'"

Idiomatische Übersetzung

„Daedalus indessen hatte das lange Exil satt und sehnte sich nach seiner Heimat; doch das Meer hielt ihn gefangen. ‚Mag er', sagte er, ‚Land und Meer für mich abriegeln: der Himmel steht offen – den Weg nehmen wir. Mag Minos alles in der Hand haben – die Luft gehört ihm nicht.'"

Interpretation

Daedalus' Monolog ist einer der bekanntesten Augenblicke der antiken Literatur: ein Mensch findet eine Lücke in dem System, das ihn gefangen hält. Die Sentenz Omnia possideat, nōn possidet āera Mīnōs ist ein rhetorisches Meisterstück: Das Paradoxon (alles – aber nicht das Entscheidende), die Antithese (possideat / nōn possidet) und die pointierte Schlussstellung des Namens Mīnōs machen den Vers unvergesslich. Die Hybris-Dimension kommt erst später: Ikarus fliegt zu hoch, das Wachs schmilzt, er fällt. Aber in diesem Augenblick ist Daedalus ein Held der menschlichen Ingenuität – nicht ein Warner gegen Überheblichkeit.

Übungsfragen

  1. Was ist ein Semideponens? Erkläre perosus (V. 1) mit diesem Begriff.
  2. Erkläre den Unterschied zwischen possideat (Konj.) und possidet (Ind.) im letzten Vers.
  3. Warum ist clausus erat pelagō (V. 3) ein Plusquamperfekt, nicht ein Perfekt?
  4. Welche rhetorische Figur liegt in Omnia possideat, nōn possidet āera vor?
  5. Welche Bedeutung hat die Freiheitsmotivation des Daedalus für die Interpretation des gesamten Mythos?