Plinius d. J., Epistulae VI,16

Der Ausbruch des Vesuvs und der Tod des älteren Plinius · Schwierigkeit: mittel–schwer

Einleitung

Plinius d. J. berichtet in diesem Brief an den Historiker Tacitus vom Ausbruch des Vesuvs am 24. August 79 n. Chr. und dem Tod seines Onkels, des Naturforschers Plinius d. Ä., der auf einem Rettungsversuch starb. Der Brief ist eines der wichtigsten Augenzeugenberichte der Antike. Er verbindet narrative Lebhaftigkeit mit den komplex verschachtelten Perioden des silbernen Lateins und ist sprachlich anspruchsvoll.

Quelle: Plinius Minor, Epistulae VI,16 (Auszug). Gemeinfreie Edition (The Latin Library).

Lateinischer Text

1 Erat Mīsēnī classemque imperiō praesēns regēbat. Nōnum kal. Septembres 2 hōrā ferē septimā māter mea indicat eī appārēre nūbem inūsitātā et 3 magnitūdine et speciē. Ūsus ille sōle, mox frīgidā, gustāverat iacēns 4 studēbatque; poscit soleās, ascendit locum ex quō maximē mīrāculum 5 illud cōnspicī poterat. Nūbēs – incertum procul intuentibus ex quā 6 monte, Vesuvium fuisse posteā cognitum est – orīēbātur, cuius 7 similitūdinem et fōrmam nōn alia magis arbor quam pīnus expresserit. 8 Nam longissimō velut truncō ēlāta in altum quibusdam rāmīs diffundēbātur, 9 credo quia recentī spīritū evecta, dein senescente eō dēstitūta aut 10 etiam pondere suō victa in latitūdinem vanēscēbat, candida interdum, 11 interdum sordida et maculōsa prout terram cineremve sustulerat.

Wortschatz-Hilfen

WortFormBedeutung
Nōnum kal. SeptembresDatumsformel24. August (9 Tage vor den Kalenden des September)
inūsitātā speciēAbl. Qualitatisvon ungewöhnlicher Gestalt
frīgidāAbl. Sg. f. (Ellipse: aquā)mit kaltem Wasser (nach dem Bad)
mīrāculumAkk. Sg. n.Wunderbild, erstaunliches Schauspiel
expresserit3. Sg. Perf. Konj. (Potentialis)könnte wiedergeben / zum Ausdruck bringen
truncusNom./Abl. Sg. m.Stamm (eines Baumes)
senescente eōAbl. abs. PPAals dieser (Wind) nachließ / schwächer wurde
vanēscēbat3. Sg. Impf. (vanēscere)löste sich auf, zerfiel (in die Breite)

Grammatische Hinweise

Übersetzungen

Wörtliche Übersetzung

„Er war in Misenum und befehligte die Flotte mit persönlicher Anwesenheit. Am neunten Tag vor den Kalenden des September, etwa um die siebte Stunde, zeigt meine Mutter ihm an, dass eine Wolke von ungewöhnlicher Größe und Gestalt erscheine. Er hatte sich nach einem Sonnenbad, dann einem Kaltbad, im Liegen gestärkt und studierte; er verlangt seine Sandalen, besteigt einen Ort, von dem aus jenes Wunderzeichen am besten gesehen werden konnte. Eine Wolke – den Fernblickenden war es unklar, von welchem Berg sie aufstieg; dass es der Vesuv war, wurde später erkannt – stieg auf, deren Ähnlichkeit und Form kein anderer Baum besser als eine Pinie zum Ausdruck bringen könnte. Denn wie an einem sehr langen Stamm in die Höhe gehoben, breitete sie sich in gewissen Ästen aus, wie ich glaube, weil sie von frischem Luftzug emporgetrieben wurde, dann, als dieser nachließ, verlassen oder sogar von ihrem eigenen Gewicht bezwungen, löste sie sich in die Breite auf, bald weiß, bald schmutzig und fleckig, je nachdem was sie zuvor an Erde oder Asche aufgewirbelt hatte."

Idiomatische Übersetzung

„Er befand sich in Misenum und hatte persönlich das Kommando über die Flotte. Am 24. August, gegen die siebte Stunde, macht meine Mutter ihn auf eine Wolke aufmerksam, die sich durch ihre ungewöhnliche Größe und Gestalt auszeichnete. Er hatte gerade nach einem Sonnenbad, einem Kaltbad und einem Imbiss entspannt studiert; er lässt sich seine Sandalen reichen und besteigt einen erhöhten Punkt, von dem aus das erstaunliche Schauspiel am besten sichtbar war. Eine Wolke – von welchem Berg sie aufstieg, war für die Beobachter in der Ferne zunächst unklar; erst später wurde bekannt, dass es der Vesuv war – stieg empor, und keine Baumform beschreibt sie besser als die einer Pinie. Denn wie an einem riesigen Stamm reckte sie sich in die Höhe und breitete sich oben in Ästen aus – so meine ich wenigstens, weil frischer Wind sie hochtrieb; als der Wind nachließ und sie sich selbst überlassen blieb oder ihr eigenes Gewicht sie bezwang, verlor sie sich in die Breite, mal weiß, mal schmutzig und gefleckt, je nachdem ob sie Erde oder Asche mit sich führte."

Interpretation

Plinius schildert die Wolke mit dem präzisen Blick des Naturforschers: Er vergleicht, analysiert (Aufstieg durch Wind, Verbreiterung bei Nachlassen des Windes) und gibt sogar zu, dass es seine persönliche Vermutung ist (credo quia). Gleichzeitig ist der Text dramatisch aufgebaut: Die ruhige Szene (Sonnenbad, Studium) wird durch die Erscheinung unterbrochen – ein klassisches literarisches Kontrastmittel. Der Brief ist auch ein Zeugnis für Plinius d. Ä. als wissenschaftlich Neugierigen: Er fährt auf die Wolke zu, um sie besser zu beobachten, obwohl andere fliehen. Der historisch-wissenschaftliche Wert des Textes (genaues Datum, genaue Uhrzeit) macht ihn zu einem der wichtigsten Quellenzeugnisse der Antike.

Übungsfragen

  1. Erkläre die Konstruktion Ūsus ille sōle, mox frīgidā (Z. 3). Welches Wort ist bei frīgidā zu ergänzen?
  2. Was ist ein Potentialis? Belege ihn mit einem Beispiel aus dem Text.
  3. Warum ist credo quia (Z. 9) unklassisch? Wie würde Cicero diese Konstruktion gestalten?
  4. Welches Datum entspricht dem Nōnum kal. Septembres im modernen Kalender?
  5. Mit welchem Baum vergleicht Plinius die Wolke, und was macht dieses Bild so treffend?