Der Brand Roms – zwei antike Berichte

Tacitus, Annales XV,39 · Paulus Orosius, Historiae VII,7· Schwierigkeit: mittel–schwer

Einleitung

Im Jahr 64 n. Chr. verwüstete ein verheerender Brand weite Teile Roms. Kaiser Nero geriet in den Verdacht, das Feuer selbst gelegt zu haben, um Bauland zu gewinnen und seinen Palast zu erweitern. Zwei antike Autoren berichten darüber: Tacitus in den Annales (ca. 116 n. Chr.), Paulus Orosius in seiner apologetischen Weltgeschichte (417 n. Chr.). Beide Texte zeigen dieselbe Tendenz – aber mit unterschiedlichem rhetorischem Fokus.

Quelle: Tacitus, Annales XV,39; Paulus Orosius, Historiae adversus paganos VII,7. Gemeinfreie Texte.

Lateinischer Text I – Tacitus

Quidam amissis omnibus fortunis, alii caritate suorum, quos ex incendio eripere nequiverant, quamvis patente effugio, interierunt. Nec quisquam defendere audebat, crebris multorum minis restinguere prohibentium, et quia alii palam faces iaciebant atque esse sibi auctorem vociferabantur, sive ut raptus licentius exercerent, seu iussu. Eo in tempore Nero Antii agens non ante in urbem regressus est, quam domui eius ignis propinquaret. Tum solacium populo exturbato ac profugo campum Martis ac monumenta Agrippae, hortos quin etiam suos patefecit et subitaria aedificia extruxit, quae multitudinem inopem acciperent. Subvecta utensilia ab Ostia et propinquis municipiis, pretiumque frumenti minutum usque ad ternos nummos. Quae quamquam popularia in irritum cadebant, quia pervaserat rumor ipso tempore flagrantis urbis inisse eum domesticam scaenam et cecinisse Troianum excidium, praesentia mala vetustis cladibus adsimulantem.

Lateinischer Text II – Paulus Orosius

Denique Nero urbis Romae incendium voluntatis suae spectaculum fecit. Per sex dies septemque noctes ardens civitas regios pavit aspectus. Horrea quadro structa lapide magnaeque illae veterum insulae, quas discurrens flamma adire non poterat, magnis machinis labefactatae atque inflammatae sunt, ad monumentorum deversoria infelici plebe compulsa. Quod ipse ex altissima illa Maecenatiana turre prospectans – laetusque flammae, ut aiebat, pulchritudine – tragico habitu Iliadam decantabat.

Wortschatz-Hilfen

Wort / WendungBedeutung
caritate suorumaus Liebe zu den Ihrigen (Abl. causae)
quamvis patente effugioobwohl der Ausweg offen stand (Abl. abs. konzessiv)
restinguerelöschen (das Feuer)
palam faces iaciebantwarfen offen Fackeln
esse sibi auctorem vociferabanturschrien, sie hätten einen Auftraggeber
exturbato ac profugovertrieben und auf der Flucht (Dat./Abl. Adj.)
subitaria aedificiaeilig errichtete Notunterkünfte
in irritum cadebantschlugen ins Leere, nützten nichts
flagrantis urbisder brennenden Stadt (Gen. Part.)
domesticam scaenamein privates Bühnenstück
Troianum excidiumden Untergang Trojas
Maecenatiana turrevom Turm des Maecenas (Abl. loc.)
tragico habitu Iliadam decantabattrug in Trachtenkostüm die Ilias singend vor

Grammatische Hinweise

Übersetzungen

Tacitus (wörtlich)

Manche kamen um, nachdem sie all ihr Vermögen verloren hatten, andere aus Liebe zu den Ihrigen, die sie dem Brand nicht entreißen konnten, obwohl der Ausweg offen stand. Niemand wagte zu löschen, da viele mit häufigen Drohungen das Löschen untersagten, und weil andere offen Fackeln warfen und schrien, sie hätten einen Auftraggeber – sei es um freier plündern zu können, sei es auf Befehl. Nero hielt sich damals in Antium auf und kehrte nicht eher in die Stadt zurück, als das Feuer sich seinem Haus näherte. Dann öffnete er dem vertriebenen und flüchtenden Volk das Marsfeld und die Denkmäler des Agrippa und sogar seine eigenen Gärten und ließ eilig Notunterkünfte bauen, die die verarmte Menge aufnehmen konnten. Aus Ostia und den benachbarten Gemeinden wurden Gebrauchsgüter herbeigeschafft, und der Getreidepreis wurde auf drei Sesterzen gesenkt. Diese populären Maßnahmen fruchten jedoch nichts, weil das Gerücht durchgedrungen war, er selbst habe zur Zeit des brennenden Roms ein privates Bühnenstück abgehalten und den Untergang Trojas besungen und damit das gegenwärtige Unglück alten Katastrophen verglichen.

Orosius (wörtlich)

Schließlich machte Nero den Brand der Stadt Rom zum Schauspiel seines eigenen Willens. Sechs Tage und sieben Nächte lang erfüllte die brennende Stadt die kaiserlichen Blicke mit Schaudern. Getreidespeicher aus Quadersteinen und jene großen alten Mietshäuser, die die umherschweifende Flamme nicht erreichen konnte, wurden mit großen Maschinen niedergerissen und angezündet; das unglückliche Volk wurde in die Grabmonumente als Notquartiere getrieben. Dies alles betrachtete er vom höchsten Turm des Maecenas aus – und sang dabei, begeistert von der Schönheit der Flamme, wie er sagte, in Theaterkostüm die Ilias.

Vergleich

Tacitus arbeitet mit Andeutungen und Gerüchten (pervaserat rumor), um Nero zu belasten, ohne direkte Anklage zu erheben. Orosius hingegen behauptet unverhohlen voluntatis suae spectaculum fecit – Nero hat den Brand gezielt verursacht.

Übungsfragen

  1. Wie unterscheidet Tacitus zwischen direkter Anklage und Gerücht? Belege mit Textstellen.
  2. Erkläre quamvis patente effugio, interierunt: Konstruktionsart und Ironie.
  3. Analysiere pervaserat rumor … inisse eum … cecinisse: Konstruktionsart der eingebetteten Aussage.
  4. Worin unterscheiden sich Tacitus und Orosius in ihrer Darstellung von Neros Rolle beim Brand?
  5. Welchen zeitlichen Abstand haben Tacitus und Orosius vom Ereignis? Wie beeinflusst das die Quellenkritik?