Vergil, Aeneis I,1–7

Arma virumque canō – Das Proömium des Nationalepos · Schwierigkeit: schwer

Einleitung

Die ersten sieben Verse der Aeneis gehören zu den meistzitierten der Weltliteratur. Sie enthalten das vollständige Programm des Epos: Thema (Krieg und Held), Protagonist (Aeneas, Trojas Überlebender), Ziel (Gründung Roms), Widersacherin (Juno) und den letzten Zweck (die Geschichte Roms). Vergil orientiert sich an Homers Ilias (Arma = Ilias) und Odyssee (virum = Odyssee), übertrifft aber beide, indem er sie in einem einzigen Epos vereint.

Quelle: Vergil, Aeneis, liber I, vv. 1–7. Gemeinfreie Edition (The Latin Library / Perseus Digital Library).

Lateinischer Text

1 Arma virumque canō, Trōiae quī prīmus ab ōrīs 2 Ītaliam, fātō profugus, Lāvīniaque vēnit 3 lītora, multum ille et terrīs iactātus et altō 4 vī superum saevae memorem Iūnōnis ob īram; 5 multa quoque et bellō passus, dum conderet urbem 6 inferretque deōs Latiō, genus unde Latīnum 7 Albānīque patrēs atque altae moenia Rōmae.

Metrum: Daktylischer Hexameter – der erste Vers (Arma virumque canō) ist das meistgescandierte Vers-Beispiel für Latein-Lernende.

Wortschatz-Hilfen

WortFormBedeutung
canō1. Sg. Präs. Akt. (canere)ich singe, ich besinge (epische Formel)
fātō profugusAbl. causae + Nom. Adj.ein vom Schicksal Vertriebener
Lāvīnia lītoraAkk. Pl. n.die lavinischen Küsten (bei Lavinium, Latium)
iactātusPPP Nom. Sg. m. (iactāre)herumgeworfen, umhergetrieben
vī superumAbl. causae + Gen. Pl.durch die Gewalt der Götter
saevae … ob īramPräp. ob + Akk.wegen des grimmigen Zorns (der Juno)
inferretque deōsKonj. Impf. (inferre)dass er die Götter einbrachte / übertrug
genusNom. Sg. n.Geschlecht, Volk (= das lateinische Volk)

Grammatische Hinweise

Übersetzungen

Wörtliche Übersetzung

„Waffen und den Mann besinge ich, der als erster von Troias Küsten / nach Italien, ein vom Schicksal Vertriebener, und an die lavinischen / Küsten gelangte, viel jener auch auf Land und auf hoher See / durch die Gewalt der Götter wegen des nicht nachlassenden Zorns der grausamen Juno umhergetrieben; / und viel auch im Krieg gelitten, bis er die Stadt gründen / und die Götter nach Latium bringen konnte, woraus das latinische Volk, / die albanischen Väter und die Mauern des hohen Roms (entstanden)."

Idiomatische Übersetzung

„Ich besinge Waffen und den Mann: Aus Troias Trümmern war er als erster aufgebrochen, vom Schicksal in die Fremde getrieben, bis er endlich Italiens Küste, die lavinischen Strände, erreichte. Auf Land und Meer war er lange umhergeworfen worden – von den Göttern verfolgt, wegen des unbußfertigen Zorns der grausamen Juno. Im Krieg hatte er viel erduldet, bis er seine Stadt gründen und die Götter nach Latium bringen konnte – aus ihm gingen das latinische Volk hervor, die Väter Albas und die Mauern des hohen Roms."

Interpretation

Das Proömium der Aeneis ist ein literarisches Programm von extremer Dichte. Die ersten drei Wörter – Arma virumque canō – setzen das Thema: Krieg (Ilias-Bezug) und Held (Odyssee-Bezug). Der gesamte Rest ist ein einziger Relativsatz, der immer neue Aspekte von Aeneas' Schicksal hinzufügt: Herkunft, Ankunft, Leiden, göttlicher Widerstand, endliches Ziel. Die dreifache Klimax am Ende (Volk – Väter – Mauern) verweist auf Roms mythologische Grundlagen. Augustus, für dessen Regime das Epos Propagandafunktion hatte, erscheint implizit als Erfüllung dieser Geschichte.

Übungsfragen

  1. Auf welche griechischen Epen spielen arma und virum in V. 1 an?
  2. Welche grammatische Funktion hat quī in V. 1? Wie weit erstreckt sich der davon abhängige Satz?
  3. Erkläre die Konstruktion dum conderet (V. 5) – warum steht hier der Konjunktiv?
  4. Welche drei Ziele des Aeneas werden in V. 6–7 genannt? Ordne sie in Beziehung zur römischen Geschichte ein.
  5. Welche Rolle spielt Juno (saevae … Iūnōnis) im Proömium und im gesamten Epos?