Vulgata, Genesis 1,1–5

Der Schöpfungsbericht: In principiō creāvit Deus caelum et terram · Schwierigkeit: leicht

Einleitung

Der Schöpfungsbericht am Beginn der Genesis gehört zu den meistgelesenen Texten der Weltliteratur. Hieronymus' lateinische Übersetzung (die Vulgata, ca. 390–405 n. Chr.) zeichnet sich durch eine schlichte, rhythmische Prosa aus: kurze Sätze, Parataxe, Wiederholung von Schlüsselwörtern (et … et … et). Dieser Stil spiegelt den Einfluss des hebräischen Originals wider (sermo humilis = niederer Stil als theologisch angemessene Sprache für die göttliche Botschaft). Für das Latinum ist der Text besonders für Theologiestudierende relevant.

Quelle: Hieronymus, Biblia Sacra Vulgata, Genesis 1,1–5. Gemeinfreier Text (Bibliotheca Augustana).

Lateinischer Text

1 In principiō creāvit Deus caelum et terram. 2 Terra autem erat inānis et vacua, 3 et tenebrāe erant super faciem abyssī, 4 et spīritus Deī ferēbātur super aquās. 5 Dīxitque Deus: "Fīat lūx." 6 Et facta est lūx. 7 Et vīdit Deus lūcem quod esset bona, 8 et dīvīsit Deus lūcem ā tenebrīs.

Hinweis: Die Vulgata verwendet kein klassisches Latein, sondern einen bewusst schlichten Kirchenstil (sermo humilis). Formen und Konstruktionen können von klassischen Normen abweichen.

Wortschatz-Hilfen

WortFormBedeutung
in principiōAbl. Sg. n.im Anfang, am Beginn (nicht: „zum ersten Mal")
creāvit3. Sg. Perf. Akt. (creāre)erschuf, schuf (ex nihilo)
inānis et vacuaNom. Sg. f. (Adjektive)wüst und leer (Hebraismus für das hebr. tōhū wābōhū)
tenebrāeNom. Pl. f. (nur Plural)Finsternis, Dunkelheit
facies abyssīGen. Sg. f.die Oberfläche der Urtiefe / des Abgrunds
spīritus DeīNom. Sg. m. + Gen.der Geist Gottes (Ruach Elohim)
ferēbātur3. Sg. Impf. Pass. (ferre)schwebte (wörtl.: „wurde getragen") über
fīat lūxJussiv-Konj. + Nom.„Es werde Licht" (jussiver Konjunktiv)

Grammatische Hinweise

Übersetzungen

Wörtliche Übersetzung

„Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde. Die Erde aber war wüst und leer, und Finsternis war über dem Antlitz der Urtiefe, und der Geist Gottes schwebte über den Wassern. Und Gott sprach: ‚Es werde Licht.' Und Licht wurde. Und Gott sah das Licht, dass es gut war, und Gott schied das Licht von der Finsternis."

Idiomatische Übersetzung

„Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Die Erde war öde und leer; Finsternis lag über dem Abgrund, und der Geist Gottes schwebte über den Wassern. Gott sprach: ‚Es werde Licht' – und es wurde Licht. Gott sah, dass das Licht gut war, und er trennte das Licht von der Finsternis."

Interpretation

Der Schöpfungsbericht der Vulgata besticht durch seine Schlichtheit: kein Mythos, kein Kampf der Götter, kein dramatischer Konflikt – nur das Wort Gottes und sein Ergebnis. Die rhythmische Wiederholung (et vīdit … quod esset bonum) nach jedem Schöpfungsakt gibt dem Text eine liturgische Qualität. Die Formulierung fīat lūx ist in alle Weltsprachen übergegangen; sie bezeichnet den Schöpferakt durch das bloße Wort. Für Latein-Lernende ist der Text wertvoll als Beispiel für unklassische Konstruktionen (quod statt AcI) und für den Kirchenstil, der im Mittelalter zur Grundlage der europäischen Schreibtradition wurde.

Übungsfragen

  1. Erkläre den Jussiv-Konjunktiv fīat (V. 5). Wie würde ein Klassiker diese Aussage formulieren?
  2. Warum ist quod esset bona (V. 7) unklassisch? Gib die klassische Alternative an.
  3. Welche stilistische Wirkung hat die Parataxe mit et … et … et in diesem Text?
  4. Erkläre inānis et vacua (V. 2): Was ist der Ursprung dieser Formulierung?
  5. Vergleiche den Stil des Vulgata-Textes mit dem Stil Caesars. Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede siehst du?