Vulgata, Matthäus 5,3–10

Die Seligpreisungen der Bergpredigt · Schwierigkeit: leicht–mittel

Einleitung

Die acht Seligpreisungen (Beatitudes) bilden den Auftakt der Bergpredigt (Matthäus 5–7), der zentralen Lehrrede Jesu im Matthäusevangelium. Ihre Struktur ist streng parallel: Je ein Nominativsatz (Beātī …) gefolgt von einer kausalen Begründung (quoniam …). Diese klare Reihung macht den Text sprachlich zugänglich und rhetorisch einprägsam. Die Seligpreisungen wurden in der mittelalterlichen Kirche auswendig gelernt und gehören zu den einflussreichsten religiösen Texten Europas.

Quelle: Hieronymus, Biblia Sacra Vulgata, Matthäus 5,3–10. Gemeinfreier Text (Bibliotheca Augustana).

Lateinischer Text

1 Beātī pauперēs spīritū, quoniam ipsōrum est rēgnum caelōrum. 2 Beātī mītēs, quoniam ipsī possidēbunt terram. 3 Beātī quī lūgent, quoniam ipsī cōnsōlābuntur. 4 Beātī quī ēsuriunt et sitiunt iūstitiam, quoniam ipsī saturābuntur. 5 Beātī misericordēs, quoniam ipsī misericordiam cōnsequentur. 6 Beātī mundō corde, quoniam ipsī Deum vidēbunt. 7 Beātī pācificī, quoniam fīliī Deī vocābuntur. 8 Beātī quī persecūtiōnem patiuntur propter iūstitiam, 9 quoniam ipsōrum est rēgnum caelōrum.

Hinweis: Kirchenlatein nach Hieronymus. Die Seligpreisungen zeigen konsequenten anaphora-Gebrauch (Beātī … Beātī …) und parallelismus membrorum.

Wortschatz-Hilfen

WortFormBedeutung
beātusNom. Pl. m. Adj.selig, glücklich (tieferes Glück als fēlīx)
pauperēs spīritūNom. Pl. + Abl. limitationisdie Armen im Geist (= die innerlich Armen, Demütigen)
quoniamKonj.denn, weil, da (kausal; hier auch: mit Ind. Fut.)
mītēsNom. Pl. m./f. Adj.die Sanftmütigen, die Milden
lūgent3. Pl. Präs. Akt. (lūgēre)trauern, beweinen
ēsuriunt et sitiunt3. Pl. Präs. Akt.hungern und dürsten (nach Gerechtigkeit)
misericordēsNom. Pl. m./f. Adj.die Barmherzigen, Mitleidsvollen
mundō cordeAbl. qualitatisvon reinem Herzen (= die Reinherzigen)
pācificīNom. Pl. m. Adj.die Friedensstifter, Friedfertigen

Grammatische Hinweise

Übersetzungen

Wörtliche Übersetzung

„Selig die Armen im Geist, denn ihrer ist das Himmelreich. Selig die Sanftmütigen, denn sie werden die Erde besitzen. Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden. Selig die, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten, denn sie werden gesättigt werden. Selig die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. Selig die Reinherzigen, denn sie werden Gott sehen. Selig die Friedensstifter, denn sie werden Söhne Gottes genannt werden. Selig die, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn ihrer ist das Himmelreich."

Idiomatische Übersetzung

„Selig, wer arm ist vor Gott – das Himmelreich gehört ihnen. Selig, wer sanftmütig ist – sie werden die Erde erben. Selig, wer trauert – sie werden Trost finden. Selig, wer nach Gerechtigkeit hungert und dürstet – sie werden satt werden. Selig, wer Erbarmen zeigt – ihnen wird Erbarmen zuteil. Selig, wer reinen Herzens ist – sie werden Gott sehen. Selig, wer Frieden stiftet – sie werden Kinder Gottes heißen. Selig, wer um der Gerechtigkeit willen verfolgt wird – das Himmelreich gehört ihnen."

Interpretation

Die Seligpreisungen sind eine Umkehrung der antiken Wertehierarchie: Nicht die Mächtigen, Reichen und Siegreichen sind selig, sondern die Armen, Trauernden und Verfolgten. Das ist für das mediterrane Umfeld des 1. Jahrhunderts provokativ. Die Struktur des parallelismus membrorum – je ein Nominativsatz + ein Futurkausalsatz – ist vom hebräischen und aramäischen Original geprägt und findet sich so nicht im klassischen lateinischen Schreiben. Für Latein-Lernende bietet der Text eine ideale Einführung in den kirchenlateinischen Stil: einfache Syntax, klarer Wortschatz, streng parallele Struktur.

Übungsfragen

  1. Welche rhetorische Figur prägt den gesamten Abschnitt? Erkläre sie und zähle die Beispiele.
  2. Was bedeutet pauperēs spīritū (V. 1)? Erkläre die Konstruktion und die inhaltliche Bedeutung.
  3. Welchen Tempus verwenden alle Verheißungen (V. 2–8)? Was sagt das über die theologische Bedeutung aus?
  4. Was bedeutet mundō corde (V. 6)? Erkläre die Konstruktion und beachte die Bedeutung von mundus.
  5. Vergleiche die Seligpreisungen mit Ciceros Gütertabelle (Dē amīcitiā §20): Was hat sich in der Wertehierarchie verändert?